» Vom Flachs zum Tuch
Leinenherstellung in Viermünden von Heinrich Battefeld


Geschichtliches

Handgewebtes hessisches Leinen war einmal ein Exportartikel!
Noch 1846 gab es in Kurhessen 8308 Webstühle, davon wurden 3447 gewerbsmäßig genutzt; 1861 waren es nur noch 2915.
In Viermünden vermerkt das Steuerbuch von 1780 drei Leineweber: Heinrich Seibel in Schreiners Haus, Johannes Seibel in Schäferchrists Haus und unter den steuerpflichtigen Einzelpersonen einen Friedrich Isgen. In Schreiners Haus folgt Jost Heinrich Wollmar, der 1811 das heutige Wollmars Haus übernimmt und auch dort als Leineweber bezeichnet wird.
Noch in diesem Jahrhundert waren in den meisten Bauernhäusern Webstühle vorhanden, die für den eigenen Bedarf benutzt wurden. 1955 wurde in Kespers Haus gewebt. Hiervon sind einige Aufnahmen erhalten geblieben. Es war das letzte Mal, daß in einem Viermündener Bauernhaus der Webstuhl aufgeschlagen war. Die vielen Gerätschaften, selbst die Webstühle aus schwerem Eichenholz, wurden nach und nach zu Brennholz. In Museen sind diese Webstühle noch häufig anzutreffen. Sie vermitteln aber kaum eine Vorstellung von den vielfältigen Arbeiten, die mit dem Weben zusammenhingen.


Der Flachs

Die Arbeit begann im April/Mai mit der Aussaat des Leinsamens. Für den eigenen Bedarf reichte eine Fläche von etwa zehn mal 15 Metern. Sie mußte in Handarbeit von Unkraut peinlich saubergehalten werden. Ende Juli/Anfang August wurde der Flachs geerntet. Er wurde nicht gemäht, sondern gerupft. Zu Hause wurden die Pflanzen durch einen eisernen Rechen gezogen, um die Samenkapseln abzureißen: Der Flachs wurde "gerafft." Nun wurde der Flachs zum Trocknen ausgelegt auf eine geneigte Fläche, wo ihn die Sonne gut erreichen konnte. Je nach Witterung wurde er nach etwa vier Wochen wieder eingesammelt. Im Spätherbst begann dann die Weiterverarbeitung. Dazu wurde der Flachs "gehåmpfelt", das heißt, er wurde in handvoll große Bündel zusammengefaßt.
[Das - willkürlich gewählte - Zeichen å soll das so häufig gebrauchte Viermündener ä andeuten, das wohl nur Eingeborene aussprechen können. Wenn Sie nicht dazugehören, versuchen Sie doch einmal, den Laut "ei" in zwei Teile zu zerlegen; der erste Teil entspricht in etwa dem å.]
Das zunächst benötigte Gerät war die Breche (Bild 1). Sie gehörte zur Aussteuer wie auch Spinnrad und Haspel. Mit der Breche wurden die hölzernen Bestandteile im Inneren der Pflanze in kurze Stücke zerlegt und schon teilweise herausgeschlagen. Zuvor wurde der Flachs noch einmal getrocknet, auf dem Backofen in einem Backhaus oder nach und nach am Ofen zu Hause. Das Brechen und auch die folgenden Arbeiten wurden gern von mehreren Personen gleichzeitig erledigt. Nachbarn oder Verwandte waren willkommen.

die Breche
Bild 1

Die nächste Arbeit war das Schwingen auf dem Schwingestock (Bild 2). Hier wurde mit der Schwinge, einem messerartigem Gerät, die hölzernen Bestandteile des Flachses herausgeschlagen. Das verzierte Oberteil des Schwingestockes stellte häufig einen Pferdekopf dar.

der Schwingenstock
Bild 2

Die Hechel (Bild 3) war mit zahlreichen scharfen Stahlnadeln besetzt, die eine Art Bürste ergaben. Als Halterung diente der Hechelstock, der auch den "Schrån" (Bild 7) zu halten hatte. Zunächst wurde beim Hecheln der Flachs gewonnen. Der Abfall, das Werg, wurde noch einmal in zwei oder drei Sorten unterteilt. Der langfaserige und weiche Flachs diente zur Herstellung von Hemden, Bettwäsche, Tischtüchern. Das feine Werg ergab Bettücher, Handtücher, Kopfkissen; das grobe Werg wurde zu Säcken und Wagentüchern verarbeitet.

die Hechel
Bild 3


Das Garn

Nun konnte der Flachs oder (wie Bild 4 zeigt) das Werg gesponnen werden. Dazu wurde das gleiche Spinnrad verwendet wie zum Spinnen der Schafwolle. Während man die Wolle zum Spinnen in die Hand nahm, wurde Flachs vom Wocken oder Rocken gesponnen; in Viermünden sagte man "Wockel."

Spinnen des Wergs
Bild 4

Sollte das Garn für den Einschlag verwendet werden, so konnte es trocken gesponnen werden. Als man es noch für die Warfe benötigte, wurde es naß gesponnen. Dazu wurde es beim Spinnen mit den Fingern dauernd angefeuchtet aus einem Blechnäpfchen, das an der Halterung des Wockels befestigt war. Spinnrad und Haspel wurden von Drechslern hergestellt, die es nur in wenigen Dörfern gab. An den Verziehrungen konnte man erkennen, wer sie hergestellt hatte. In den 20er und 30er Jahren kamen sie häufig aus Obernburg. Beim Einzug der Braut standen Spinnrad und Haspel oben auf dem "Packwagen." War auf dem Spinnrad die Spule voll, wurde der Haspel (Bild 5) benötigt, ebenso wie beim Wollespinnen. Das Garn wurde von der Spule auf den Haspel aufgehaspelt. Jeweils 60 Umdrehungen wurden vom Haspel mit lautem Knacken angezeigt. Man konnte die einzelnen Bündel mit einem Faden kennzeichnen und wußte, wieviel man gehaspelt hatte. War auch der Haspel voll, wurde das Garn abgenommen und bündelweise aufbewahrt (Gebinde, Stränge).

Aufspulen des Garns auf den Haspel
Bild 5

Nun wurde das Garn in Buchenasche gekocht, gewaschen und getrocknet. Danach wurden die Stränge mit einem großen Holzhammer geklopft (Bild 6).

Klopfen des zu einem Strang gedrehten Garns
Bild 6


Der Webstuhl

Anfang Februar wurde mit dem Weben begonnen. Der Webstuhl wurde aufgeschlagen, seine Einzelteile vom Dachboden heruntergeholt. Zum Weben benötigte der Webstuhl Garn auf seinem Garnbaum. Das industriell als Kettfäden bezeichnete Garn wurde hier Warfe genannt; die Schußfäden waren der Einschlag. Warfe nannte man auch das drehbare Gestell, auf das das Garn "geworfen" wurde. Früher bestand "Linn-Düch" in Warfe und Einschlag aus gesponnenem Flachs. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts begann man, für die Warfe maschinengesponnene Baumwolle zu verwenden. Angeblich wurde sie zuerst von Auswanderern aus Amerika geschickt; später war sie dann hier käuflich. Das Tuch mit Baumwolle als Warfe und Flachs als Einschlag ("flässen" Einschlag) wurde trotzdem als Leinen bezeichnet. Vereinzelt wurde auch Baumwolle für den Einschlag und Flachs als Warfe verwendet. Warum - das konnte mir niemand mehr sagen. Vor dem Werfen wurde das benötigte Baumwollgarn mit dem Spulrad (Bild 7) auf 20 große Holzspulen (Pfeifen) umgespult. Das Spulrad ähnelte dem Spinnrad, hatte aber ein größeres Rad, das mit der Hand gedreht wurde. Man konnte mit dem Spulrad das Garn sowohl auf die großen Spulen zum Werfen (Pfeifen) als auch auf die kleinen Spulen für das Weberschiffchen aufspulen.

Umspulen des Garns mit dem Spulrad
Bild 7

Dabei wurde das Garn von einem Schrån abgenommen. Es gab einen kleinen Schrån für Baumwolle und einen großen (Bild 7) für Flachs. Als Untergestell für den Schrån diente vielfach ein Hechelstock.


Das Werfen

Zum Werfen wurden die 20 Spulen auf die Pfeifenbank (Bild 8) gesteckt.
Spulen auf der Pfeifenbank
Bild 8

Die 20 Fäden liefen nun durch das Zählbrett zur Warfe, einem drehbarem Gestell (Bild 9). In jedem Bauernhaus war in der "Stowwe" am großen Querbalken ein Brett angebracht, das seitlich überstand und dort ein Loch hatte. Dieses Brett diente zur oberen Führung der Warfe; unten war ein Klotz auf den Fußboden gelegt, ebenfalls mit einem Loch. In Bild 9 ist das Brett nicht am Querbalken, sondern stilwidrig vorübergehend an einem Zwischenbalken angebracht. Es gab wohl Höhenprobleme mit der Warfe; deshalb fand das Werfen auch nicht in Kespers, sondern in Wenzels Haus im Obergeschoß statt.

die Warfe
Bild 9

Die 20 Fäden wurden nun am oberen Ende der Warfe befestigt. Dann steckte man sie so zwischen Daumen und Zeigefinger hindurch, daß abwechselnd ein Faden von oben nach unten, der nächste von unten nach oben lief usw (Bild 10). In dieser Reihenfolge wurden die 20 Fäden am oberen Rand der Warfe auf zwei Holzpflöcke gesteckt. Damit war die spätere Reihenfolge dieser 20 Fäden auf dem Webstuhl festgelegt.

Zählbrett und Warfe
Bild 10

Das Gestell wurde nun rechtsherum gedreht. Dabei wurden die 20 Fäden wendelförmig nach unten um das Gestell herumgelegt. Vier Umdrehungen ergaben eine Steige Tuch. Gewöhnlich wurden drei oder vier Steigen "aufgebäumt", also 12 oder 16 Umdrehungen, ausnahmsweise auch fünf Steigen. Fünf Steigen Tuch gingen aber später nicht auf den Tuchbaum des Webstuhls, so daß vor Fertigstellung der fünf Steigen zunächst ein Teil des Tuches vom Tuchbaum abgenommen werden mußte. Eine Steige Tuch hatte eine Länge von elfeinhalb bis zwölf Metern oder, nach altem Maß, 20 Ellen. Beim Werfen wurden die ersten Umdrehungen rot gekennzeichnet mit dem "Rerrel", vermutlich Rötel. Nach jeder Umdrehung wurde ein Strich angebracht, nach vier Umdrehungen, also nach einer Steige, zwei Striche. Diese Markierung erschien später auf dem Webstuhl am Rand des Tuches. Unten angekommen wurden die 20 Fäden um einen Pflock an der Warfe gelegt. Nun wurde das Gestell linksherum gedreht und die nächsten 20 Fäden auf die vorigen aufgelegt. Am Pflock wurde das Bündel Fäden durch einen Bindfaden gesichert, die folgenden ebenso. Nach jeweils fünf Gängen wurde auch hier eine Markierung angebracht, um ein Nachzählen zu erleichtern. - Oben angekommen, wurde wieder mit Daumen und Zeigefinger "gezählt"; die Fäden wurden wieder aufgesteckt. Nun hatte man einen "Gang" geworfen. Wieviel Gänge zu je 40 Fäden erforderlich waren, richtete sich nach der Breite des zu webenden Tuches und nach dem zur Verfügung stehenden "Geschirr."
Für jede Tuchbreite mußte ein besonderes Geschirr vorhanden sein.

Gebräuchlich waren:
  für Handtücher 16 oder 17 Gänge,
  für Säcke 20 oder 21 Gänge,
  für Tischtücher 24 Gänge,
  für Bettücher 27 oder 28 Gänge.

Abweichungen waren möglich. Man besaß gewöhnlich zwei Geschirre und tauschte andere Breiten mit Nachbarn aus. Da man sich beim Werfen keinen Fehler leisten durfte, wurde häufig eine sachkundige Nachbarin zur Hilfe genommen. Wie aufregend mußte es dann erst sein, wenn zwei- oder dreifarbiges Bettzeug geworfen wurde! Nachdem man mit dem letzten Gang oben angekommen war, wurden die Fäden abgeschnitten. Das Garn auf den oberen Pflöc ken wurde durch Bindfaden gesichert. Dann konnte das Garn von der Warfe abgenommen werden. Es wurde ein Zopf geflochten, damit nichts durcheinander kam (Bild 11).

Abnehmen des Garns von der Warfe
Bild 11

Nun kam das Aufbäumen (Bild 12). Der Anfang des Zopfes wurde auf einer Leiste auseinander gezogen. Die Leiste wurde in einer Nute auf dem Garnbaum befestigt.

Garnbaum und Reerekamm beim Aufbäumen
Bild 12

Die Fäden wurden noch in den "Reerekamm" eingelegt, mit dem sie während des Aufbäumens auf dem Garnbaum gleichmäßig verteilt wurden, damit das Garn seitlich nicht abrutschte. Das Drehen an beiden Seiten des Garnbaums geschah mit hohem Kraftaufwand, damit das Garn straff gespannt wurde und keine Kringel bilden konnte. Zum Schluß wurden zwei Querleisten durch die Fäden geschoben an der Stelle, wo sich beim Werfen die oberen beiden Pflöcke befanden. Die Leisten wurden zunächst provisorisch befestigt unöd später durch ein Gewicht und Kordeln gehalten. Sie blieben während des ganzen Webens an dieser Stelle.


Das Weben

Erster Arbeitsgang: das Anbinden. Zunächst mußte der Webstuhl mit dem richtigen Geschirr ausgestattet werden. Dazu gehörte auch der Metallkamm, der in die Schlaglade einzubauen war. Von der letzten Benutzung dieses Geschirrs waren noch sämtliche Fäden in den beiden Geschirrteilen und im Kamm vorhanden sowie ein anschließendes Stück Leinen. Das Leinen wurde mit Kordeln über den Brustbaum hinweg am Tuchbaum befestigt. An der anderen Seite des Geschirrs wurden nun die bündelweise verschnürten Fäden-Enden geöffnet und Faden für Faden am neu aufgebäumten Garn angebunden (Bilder 13 und 14) oder auch nur "angedrewwelt."

Webstuhl beim Anbinden
Bild 13

Anbinden der Fäden
Bild 14

Nun konnte das Weben beginnen. Das Leinengarn für das Weberschiffchen wurde mit dem Spulrad auf kleine Spulen gespult, die aus Holunderholz selbst angefertigt wurden. Das Mark wurde herausgestoßen. Das frei gespannte Stück der Warfe wurde "geschlichtet." Dort wurde nach dem Weiterdrehen des Tuches immer wieder die "Schlichte" mit einer Bürste aufgetragen. Sie war aus Leinsamen gekocht worden.

Bild 15 zeigt den Webstuhl während der Arbeit. Auf dem Tuchbaum hat sich schon eine stattliche Menge fertiges Tuch angesammelt.

Webstuhl, Ansicht von links
Bild 15

Bild 16 zeigt den Arbeitsplatz der Weberin. Gleich wird das Weberschiffchen durchgeworfen und mit der anderen Hand aufgefangen. Dann wird der Faden angezogen und mit der Schlaglade zweimal angeschlagen. Dabei wird mit einem der beiden Fußpedale das Geschirr umgeschaltet. Die verstellbare Leiste (Bild 16, rechts und Bild 17) auf dem fertigem Tuch spreizt das Tuch auseinander, damit es nicht durch den Einschlag-Faden zusammengezogen wird.

Webstuhl, Ansicht der Schlaglade
Bild 16

verstellbare Leiste und Weberschiffchen
Bild 17

Bild 18 zeigt noch einmal einen Webstuhl, diesmal die rechte Seite. Rechts der Garnbaum mit dem Klipprad, dessen Hebel vom Arbeitsplatz bedient werden kann. Unten das große Handrad zum Aufwickeln und Spannen des Tuches.

Webstuhl, Ansicht von rechts
Bild 18


Das fertige Tuch oder: Dår Düch

Nach dem Abnehmen vom Webstuhl wurde das Tuch zu Bahnen von einer Steige Länge zerschnitten, gewaschen und gebleicht. Das Tuch wurde gekocht, früher in Haferstroh und Asche, später auch in Waschpulver, und im Waschfaß gewaschen. Diese Arbeit machte man am Sonnabend. Ab Montag wurde dann das Tuch zur Bleiche gebracht. Die Bahnen hatten an den Enden vier Schlaufen bekommen, diese wurden an Pfählchen aus Haselnuß befestigt, die in die Erde eingeschlagen waren. So blieben die Bahnen straff gespannt. Nachts blieb das Tuch auf der Bleiche. Es wurde am Wochenende nach Hause geholt, wieder gekocht, gewaschen und ab Montag wieder gebleicht, bis es weiß war.

Die fertigen Tuchballen konnten nun endlich im Schrank verstaut werden (Bild 19).

fertige Tuchballen
Bild 19

Unsere Großmütter trugen noch Beiderwands-Röcke. Dieser Stoff bestand in der Warfe aus Baumwolle, im Einschlag aus handgesponnener Schafwolle. Auch Jacken und Hosen wurden früher aus diesem Stoff hergestellt. Er war unverwüstlich. Bild 20 zeigt Beiderwand in zwei verschiedenen Farben. Die dunklere Sorte wurde aus Wolle von schwarzen Schafen hergestellt. Diese Wolle war immer sehr begehrt, da es - auch bei den Schafen - nur wenige schwarze Schafe gibt.

dunkles und helles Beiderwand, Tischtuch mit Schlaufen
Bild 20

Bei der Herstellung von Tischtüchern wurden zur Verzierung in Abständen dickere Fäden, "Striefelgoaren," eingewebt. Am Rande bildeten diese Fäden Schlaufen (Bild 20). Da diese Tischtücher aus zwei Bahnen zusammengenäht werden mußten, haben sie in der Mitte gewöhnlich einen gehäkelten Einsatz.Für Arbeitskleidung wurde das Tuch dunkelblau gefärbt. Dazu brachte man es "of die Ingern-Orke." Der "Linn-Jacken" war das letzte gebräuchliche Kleidungsstück dieser Art. Bettbezüge und Kopfkissen wurden auch zwei- oder dreifarbig hergestellt. Dafür waren verschiedene Karo-Muster üblich, die sowohl beim Aufbäumen als auch beim Weben beachtet werden mußten.
Verwendet wurden dazu die Farben Blau und Rot (Bilder 21 und 22). Ich konnte aber niemanden mehr finden, der kariertes Bettzeug noch angefertigt hat. Die heute noch vorhandenen "Bestände" scheinen aus dem 19. Jahrhundert zu stammen.

rot-kariertes und blau-kariertes Bettzeug
Bild 21

Das obere Muster auf Bild 21 ist bei Hessen und Wissemanns vorhanden; es stammt also aus Hillen Haus. Wahrscheinlich hat es die alte Hillen-Oma schon aus Geismar mitgebracht.
Das blau/weiße Muster auf Bild 21 ist nicht symmetrisch, sondern die breiten und die schmalen Streifen beginnen mit blau und enden mit weiß oder umgekehrt.
Das obere Muster auf Bild 22 kommt aus Ederbringhausen und ist in Altenlotheim gewebt worden.
Die jeweils unteren Muster auf Bild 21 und 22 stammen aus Hessen Haus. Wahrscheinlich hat es dort die Oma aus Schmäds Haus mitgebracht.

blau-weiss-rot-kariertes Bettzeug
Bild 22

Abtrockentücher und Handtücher wurden mit roten Karos oder roten Streifen verziert.
Noch immer gibt es bei vielen Familien Vorräte an selbstgewebtem Leinen. Während sie zeitweise kaum beachtet wurden, dürften sie heute schon kostbar sein.
Viele ältere Leute, auch Männer, haben noch selbst gewebt. Wenn man sie fragt, ob sie heute noch einen Webstuhl aufbauen und in Betrieb nehmen könnten, so ist ihre Antwort zaghaft. Ein klares Ja habe ich nirgends bekommen. Man nennt lieber die Namen der Leute, die das früher machten - und nun längst verstorben sind.
Aber man erzählt gern aus jener Zeit und ich danke allen, die mir beim Zusammenstellen dieser Ausführungen geholfen haben.


Eine alte Anleitung

Durch Zufall lernte ich den 82jährigen Herrn Rees in Wollmar kennen, der in jungen Jahren noch viel gewebt hat. Er zeigte mir einen Anzug aus Beiderwand (Bild 23) mit einem Muster, das er auf einem Webstuhl mit doppeltem Geschirr und vier Pedale gewebt hatte. Sein Webstuhl war ein Schnellschütz, bei dem das Schiffchen seitlich in Kästen aufgefangen und durch Zug an einem Band zurückgeworfen wurde, man nahm es nicht in die Hand.

Anzugstoff aus Beiderwand
Bild 23

Farbiges Bettzeug hat er nicht mehr gewebt, aber sein Vorfahre hat im dazu eine Anleitung überlassen, die hier im originalgetreuen Wortlaut wiedergegeben ist:


Bettzeug zu machen

Wenn man Bettzeug machen will wo 5 blaue und 4 weise Streifen jeder mit 8 faden und 11 weise und 10 blaue Streifen die weise Streifen mit 2 faden die blaue mit 4 faden dazu muß man 2 Pfeife Bänke haben auf den 1ten kommen 16 Pfeifen 8 blau oben und 8 weise unten auf der 2ten kommen 18 Pfeifen 2 weise dann 4 blau dann 2 weise dann 4 blau dann 2 weise dann 4 blau dann 2 weise dann 4 blau wenn mans nun in die 10 aufmachen will und man will 60 Ellen machen so muß man auf die ersten Peife wo 16 Peife auf die Bank kommen auf die 8 blauen Peife auf eine jede 11 1/2 Gebind auf die 8 weise auf eine jede 9 1/4 Gebind auf die 2. Bank wo 6 weise aufkommen auf die 2 obersten weise 7 Gebind 40 Faden auf die 2 weise welche mitten hinkommen 8 Gebind 20 Faden auf die 2 weise welche unten hinkommen 7 Gebind 40 Faden auf diese bank kommen nun 12 blau Peifen erst 2 weise aber dann 4 blaue mit 7 Gebind 20 Faden dann 2 weise dann 4 blau mit 7 Gebind 20 Faden dann 2 weise dann 4 blau mit 7 Gebind 10 Faden dieses ist aufgeschrieben den 24 Januar 1856 wo ich von dieser Sorte 60 Ellen machen voriges Jahr hatte ich auch 60 Ellen gemacht und es war mir vergessen da mußte ich wieder alles berechnen deswegen habe ich solches aufgeschrieben zur Nachricht. (H. Rees)

Herr Rees hat also im Jahre 1856 Bettzeug hergestellt, mit einem ähnlichen Muster wie beim unteren Ballen auf Bild 21. Die Zahl der Streifen und Fäden weicht nur geringfügig ab, das Muster des Herrn Rees ist allerdings symmetrisch, die breiten Streifen beginnen und enden mit blau, die schmalen mit weiß. Offenbar war dieses Muster einmal groß in Mode.


Bildindex und Kommentar Bildindex

Die Bilder 4, 6, 7 und 12 - 17 wurden im Februar 1955 in Kespers Haus, die Bilder 8-11 in Wenzels Haus aufgenommen.
Die Bilder 4, 6, 8, 9, 10, 11 und 13 zeigen Frau Karoline Grebe, die Bilder 7, 9, 12 Tochter Mariechen und die Bilder 13 und 15 Tochter Elisabeth.
Bild 18 zeigt Neischels Webstuhl im Februar 1952 mit Tochter Anna, die auch diese Aufnahme zur Verfügung stellte.
Bild 19 zeigt Luise Battefeld, die Mutter des Verfassers.

Kommentar
Mein Vater fotografierte 1955 die Bilder 4-17. Weitere Bilder wollte er im darauffolgenden Jahr machen, diese kamen aber nicht mehr zustande, da ab 1956 in Viermünden nicht mehr gewebt wurde.

"Vom Flachs zum Tuch - Leinenherstellung in Viermünden" wurde von ihm 1989 in kleinster Auflage als Heft (fotokopierte Blätter mit eingeklebten Fotos, von Hand geheftet) an die mitwirkenden Personen und einige Bekannte verteilt.

1993 überarbeitete mein Vater den Text auf dem Computer, dieses Mal als reine Beschreibung ohne Bilder. In dieser Form erschien "Vom Flachs zum Tuch" (leicht gekürzt)1999 im Viermündener Buch zur 1150-Jahr-Feier. Die dazu gehörenden Schwarzweißbilder wurden hinter dem Text angefügt.

Der vorliegende Hypertext ist eine korrigierte Zusammenstellung aus diesen Quellen

Autor: Detlef Battefeld