» Das Leben der Anna von Viermund (Viermündt(1))

Anna wird 1538 auf der Burg Nordenbeck als einzige Tochter des Hermann von Viermündt und seiner Gattin, einer Tochter des Amtmanns zu Medebach und Beurn, geboren.

Ihre Mutter tritt zum evangelischen Bekenntnis über, deren Geschwister und Verwandte bleiben katholisch. Anna wird evangelisch erzogen.

Ein katholischer Stiefbruder ihres Vaters und dessen Söhne wollen den Familienbesitz für sich gewinnen. Ein Stiefneffe des Vaters hält um die Hand Annas an, wird aber abgewiesen.

Hermann von Viermündt, ihr Vater, stirbt am Karfreitag 1563. Drängend wirbt wieder ihr Stiefcousin um ihre Hand, aber Anna wartet auf die ersehnte Rückkehr des Grafen Heinrich von Waldeck, dem sie zur Ehe versprochen ist. Im November 1563 kehrt dieser aus Frankreich heim, wo er mit seinen Kriegsleuten unter erheblichen Verlusten für die dort bedrängten Evangelischen gekämpft hat. Weihnachten 1563(2) heiratet die 25jährige Heinrich von Waldeck und zieht zu ihm auf die Naumburg.

Daraufhin sehen ihre Stiefcousins ihre Chance, überfallen und besetzen die Burg Nordenbeck, Annas Familiensitz, nehmen sie für sich in Besitz. Graf Heinrich muss wegen Geldmangels bis nach der Ernte warten, um gegen die „Vettern“ mit Kriegsleuten vorzugehen. Beim Ausmarsch im Oktober geht jedoch sein Pferd durch und er stirbt am Steigbügel hängend vor den Augen seiner Frau Anna von Waldeck im Oktober 1577.

Grabmal der Anna von Viermund in der Kirche von Nieder-Ense
Schon 1594 ließ Anna ihr Grabmal von dem Bildhauer Andreas Herber aus Kassel anfertigen und in der Kirche zu, Nieder-Ense aufstellen. Eine lange Spruchinschrift berichtet über den Prozess gegen ihre Vettern. Anna lässt ihr Grabmal deshalb noch zu ihren Lebzeiten bauen, um zu verhindern, dass in die Steine "Menschenlob hineingebildet wird."

Als kinderlose Witwe zieht sie daraufhin in die Gebäude des ehemaligen Klosters Werbe. Sie bittet den Landgrafen von Hessen-Kassel um Hilfe, die aber ausbleibt. So stellt sie ihre Sache in einem Gelübde Gott anheim: „So Gott wird mit mir sein und mich wieder in meines Vaters Haus bringen, daraus man mich verdränget, und wird mir Brot zu essen geben, so soll der Herr mein Gott sein, das ist ich will in meines Vaters Gut einen Gottesdienst aufrichten, da man predigen und lehren soll.“ Sie beschreitet den teuren Rechtsweg und klagt zunächst vor Adelsgerichten durch zwei Instanzen bis zum Prozess vor dem Reichskammergericht in Speyer.

Unter Vorsitz von Cuno von Winnenberg und Beilstein ergeht das Urteil(3): Binnen vier Wochen ist Burg Nordenbeck an Anna von Waldeck geb. Freiin zu Viermündt zurückzugeben und Schadenersatz für die vollen 2 Jahre zu leisten. Die Verfahrenskosten tragen die Beklagten, ihre „Vettern“. Als Drohung wirkt ein Aufgebot des Reiches zur Durchsetzung der erlassenen Urteile des Gerichtes.

So gelangt Anna 1566 wieder in ihren Besitz.(4)

Grabmal der Anna von Viermund - Detail
Anna von Winnenberg und Beilstein, verwitwete Gräfin zu Waldeck, geborene Freifrau von Viermund stirbt am 16. April 1599 ganz unversehens und wird am 20. April in der Kirche zu Nieder-Ense beigesetzt. Auf ihrem Grabmal kniet Anna vor dem Gekreuzigten und hält eine Bibel in der Hand.

Im Jahr 1583 heiratet sie Cuno von Winnenberg und Beilstein. Gemäß ihrem Gelübde stiftet sie der Gemeinde Nordenbeck eine Kapelle für den Gottesdienst, 100 Goldgulden für die wöchentliche Predigt und erläßt die Verpflichtung, dass von den Gütern, die zum Hause Nordenbeck gehören, die Kapelle für alle Zeiten in Bau und Besserung gehalten wird. Aus Dankbarkeit für ihre gute zweite Ehe mit Cuno von Winnenberg und Beilstein stiften beide 1595 ein Kranken- und Armenhaus in Nordenbeck. Bereits zu Lebzeiten läßt Anna ihr Grabmal in der Nieder-Enser Kirche bauen und beschriften, um zu verhindern, dass in die Steine „Menschenlob hineingebildet wird.“ Am 16. April 1599 stirbt Anna von Winnenberg und Beilstein, verwitwete Gräfin zu Waldeck, geb. Freifrau von Viermündt und wird am 20. April 1599 in der Kirche beigesetzt.

Heute ruhen ihre Gebeine an unbekannter Stelle auf dem alten Enser Friedhof um die Kirche.


Autor: Hans Otto Landau

Benutzte Quellen:

Angaben aus der Enser Kirchenchronik sowie der Stiftungsurkunde der Kapelle Nordenbeck, letztere im Heimatmuseum in Korbach (Pfr. Koch im Juli 1991)

(1)
Lebensbeschreibung der Anna von Viermund, so dargestellt in dem Aushang unterhalb des Grabmals in der Evangelischen Kirche in Nieder-Ense Der Text ist hinsichtlich der Angaben zu den Eltern Annas, der Daten ihrer Eheschließungen und des Todesjahres von Graf Heinrich IX. berichtigt. Im übrigen s.a. nachfolgende Anmerkung Ziff. 3
(2)
Die Vermählung fand am 19. Dez. 1563 in Corbach statt; beide wohnten anfangs in Naumburg, seit 1568 bis zum Tode des Grafen (3. Okt. 1577) auf dem Hause Itter; nach Heldmann: Zur Geschichte des Gerichts Viermünden und seiner Geschlechter, Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, 1890, 1895 und 1903, S. 132 und 133; außerdem Wolfgang Medding "Korbach, die Geschichte einer deutschen Stadt"; danach fand die Hochzeit, wie Jonas Trygophorus berichtet, in aller Stille ohne Geläut und Geteut in Korbach im Hause des Apothekers Knyben statt.
(3) Das Reichskammergericht erkennt zunächst den sog. Hessischen Rezeß vom 31.12.1563 an. Danach soll vorbehaltlich ihres Rechtes beiden Teilen Nordenbeck gemeinsam bleiben, die Brüder sollen ihrer Base freien Verkehr mit den Ihrigen und Unterhalt gewähren, und laut eines weiteren Rezesses vom 28. Februar 1564 die Bewaffneten des Schlossen binnen 4 Tagen abschaffen, den Briefkasten und das Silbergeschirr zurückbringen. Beides sollte von beiden Teilen versiegelt, sicher verwahrt und jedem sein Recht vorbehalten bleiben (nach Heldmann s.o., S. 135)
(4) Der eigentliche Prozess zieht sich noch längere Zeit hin. Eine Entscheidung des Reichskammergerichts vom Jahre 1580 bringt Anna ab 1.1.1581 in den Besitz der geforderten Güter, hinsichtlich der gesamten Erbschaft wird der Prozeß endgültig 1587 gewonnen.